Wannsee – Kurzurlaub an Berlins „Badewanne“

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Wannsee – Kurzurlaub an Berlins „Badewanne“

Blick auf den Wannsee

Zu Ostern brauche ich einen Osterspaziergang! Am besten die Variante: Natur mit ganz viel Wasser. Berlin ist nicht nur eine der grünsten Städte Deutschlands. Der Wasserreichtum ist groß und kurz hinter dem Stadtrand findet der ausflugsliebende Berliner Erholung an unzähligen Seen. Einer der bekanntesten ist der Wannsee. Sowohl abwechslungsreiche Natur als auch spannende Geschichten – der Wannsee hat jede Menge zu bieten.

Unsere Frühlingswanderung beginnt nach einer Fahrt quer durch Berlin am S-Bahnhof Wannsee. Der Große Wannse ist ein absoluter Wassersport-Hotspot im Südwesten der Stadt. Segeln und Rudern haben am Wannsee eine lange Tradition. Wir laufen an schaukelnden Booten und alten Vereinshäusern einiger Segel- und Rudervereine vorbei. Ein Geruch von Bootsfarbe und Holzlasur liegt in der Luft. Im Yachthafen liegen die strahlend weißen, etwas mondäneren Varianten der Betuchten.

 

Pilgerstätte des Impressionismus

Unsere kleine Zeitreise beginnt mit der um 1900 erbauten Max-Liebermann-Villa direkt am Wannsee. Der impressionistische Maler entwarf diese Sommerresidenz gemeinsam mit dem Architekten Paul Baumgarten. Außerdem hegte Max Liebermann eine tiefe Verbindung zu Hamburg. Ein von ihm gemalter Landsitz aus den Vororten an der Elbe diente als Vorlage für den neoklassizistischen Bau. Heute befindet sich in ihm ein Museum. Zu gern würden wir entlang des berühmten Birkenweges flanieren und die „Gartenräume“ erkunden, die den Maler zu unzähligen Bildern inspirierten. Aber Corona erlaubt uns nur den Blick durch den Zaun und vertröstet uns auf einen Garten im Herbst …

Liebermann-Villa, Blick in den Garten

Villa am Wannsee mit vielen Gesichtern

Also geht es weiter zum Haus der Wannsee-Konferenz, das man meist nur als mahnende Gedenkstätte kennt. Hochrangige Vertreter des Nationalsozialismus und der Industrie kamen hier im Januar 1942 zusammen, um den Holocaust in ganz Europa zu koordinieren. Das ist der traurige Part zu dieser Villa. Dass der Pharma-Fabrikant Ernst Marlier hier viele Jahre zuvor ein zauberhaftes Gartenreich anlegen ließ, weiß jedoch kaum jemand. Der Villengarten Marlier ist ein Kleinod mit verschiedenen Themengärten, Baumalleen, antiken Skulpturen, Steintreppen und bewachsenen Mauern. Auch hier verschieben wir das Verweilen im verträumten Gartenhäuschen und auf der runden Bank am plätschernden Springbrunnen auf ein nächstes Mal.

Spaziergang am Wannsee, Potsdam, Frühling

Seeblick am Wannsee Richtung Sommer

Wir kommen zum Aussichtsplateau der Wannseer Siedlung Heckeshorn. Von hier aus genießt man eine wunderbare Sicht über den Großen Wannsee bis zu den Havelseen und die Insel Schwanenwerder.
Uns direkt gegenüber liegt das beliebte Strandbad Wannsee. Eine mehr als hundert Jahre alte Badeanstalt, in der es besonders in den Goldenen Zwanzigern heiß herging. Das legendäre Lied „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nischt wie raus nach Wannsee!“ singt mir auch sofort durch die Gedanken. Im Sommer zwar hoffnungslos überfüllt, schenkt das Freibad den Badegästen dennoch einen Hauch von Ostseefeeling mit seinen zweihundert (!) weißen Strandkörben im hellen, feinen Sand.

 

Einstiger Wächter mondäner Sommer-Residenzen

Hinter uns thront der „Flensburger Löwe“ auf hohem Sockel inmitten des Plateaus. Was hat Flensburg jetzt mit dem Wannsee zu tun? Eine kleine Gedenktafel lüftet das Rätsel. Das Original steht in Schleswig-Holstein und erinnert an eine gewonnene Schlacht der Dänen über die Deutschen. 
Die majestätische Skulptur dieser Großkatze hat dem vermögenden Berliner Bankier Wilhelm Conrad so imponiert, dass er sich eine Kopie anfertigen ließ. Der Löwe wurde zum Wahrzeichen seiner hier erbauten Wannseer Villenkolonie Alsen, von der nur noch wenige noble Residenzen erhalten sind (die Liebermann-Villa ist übrigens eine von ihnen).

 

… tiefenwirksame Natur am Wannsee

Wir folgen dem Weg an der Uferpromenade. Ein idyllischer Pfad führt uns unter schattigen Bäumen mit ein paar eingestreuten Wiesenflecken am Wasser entlang. Der Große Wannsee öffnet sich und geht hier in die Havelseen über. Im üppigen Grün zwitschern die Vögel und an den vielen Strandabschnitten schwappt die Havel mit kleinen Wellen ans Ufer.

Weg zum Schloss Glienicke, Wannsee, Frühling


Tut so gut, sich für einen Augenblick ins weiche Gras zu setzen, mit tiefen Atemzügen diesen Wassergeruch zu genießen und aufs glitzernde Wasser zu schauen. Jacke ausbreiten, lang machen und den Augen auch die Weite des blauen Himmels gönnen – was für ein schöner Frühlingstag!

 

Garteninsel im Wannsee mit königlichen Vögeln

Leider bleibt uns in Corona-Zeiten ein Besuch auf der Pfaueninsel auch verwehrt. Die Insel zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen am Wannsee. Das Gesamtkunstwerk aus anmutiger Gartenkunst, unzähligen stolzen Pfauenvögeln und preußischer Architektur ist nur über eine Fähre zu erreichen. Und die hat jetzt Zwangspause. Dass man seit Jahren den uralten Baumbestand auf besondere Art pflegt, darf hier vielleicht kurz erwähnt werden. Alte Äste werden nicht herausgesägt, sondern aufwendig herausgebrochen. So, als hätte die Natur selbst Hand angelegt. Idee dahinter ist die Erhaltung eines „Landschaftsgartens aus Zeiten der Romantik“.

 

Schnellimbiss statt Tellergericht

Also, heute klappt es nicht mit einer Überfahrt. Egal, wir bemerken eh gerade Hunger und Durst. Das Wirtshaus zur Pfaueninsel und das Wirtshaus Moorlake dürfen ihre Gartenstühle zwar nicht belegen, machen jedoch das Beste draus und haben auf Straßenverkauf umgestellt. Es gibt einen fluffigen Bienenstich schnörkellos mit Serviette auf die Hand. Dazu einen herrlich duftenden Becher Kaffee. Wir gehen vergnügt auf die Suche nach einer Bank oder einem gemütlichen Baumstamm. Dieses Mini-Picknick ist großartig, weil es so schön improvisiert ist!

 

Andenken mit Zwiebelaroma

Mit kleinem Glück im Bauch laufen wir weiter und werden überrascht von einem wirklichen Highlight der Natur! Riesige Bärlauchblätter-Teppiche bedecken beidseitig des schmalen Weges den Waldboden. Dunkles, sattes Grün soweit das Auge reicht. In die Nase zieht ein feiner, aromatischer Knoblauchduft. Sodass wir gar nicht anders können, als ein paar von diesen üppig wachsenden Blättern anzuknabbern und zu pflücken. Da freue ich mich schon auf den köstlich veredelten Salat am Abend!

Wald am Wannsee, Bärlauch, Frühling

Datsche eines italienliebenden Prinzen

Unsere letzten Meter führen durch den Schlosspark Glienicke am Schloss Glienicke vorbei, der ehemaligen Sommerresidenz von Prinz Carl von Preußen. Er ließ das Landhaus 1825 von Karl Friedrich Schinkel in ein klassizistisches Schlösschen umbauen. Der Prinz, der eine bemerkenswerte Militär-Karriere hinlegte und als Urvater des Deutschen Roten Kreuzes gilt, hegte eine tiefe Liebe zu Italien. Stilelemente antiker, mediterraner Architektur finden sich in den Schlossfassaden, in der Löwenfontäne mit den zwei goldenen Medici-Löwen und den umliegenden Gebäuden. Besonders beeindruckend ist auch das Casino mit seinen weit ausladenden Laubengängen.

Schloss Glienicke, Casino, Frühling

Spionen-Tausch auf der Brücke

Letzter Stopp unserer Wandertour ist die berüchtigte Glienicker Brücke. Von der Zivilbevölkerung völlig unbemerkt, tauschten hier die feindlichen Lager des Kalten Krieges von 1962-1986 ihre Agenten aus. Ich habe sofort Männer in Trenchcoats mit hochgeschlagenem Kragen und tief ins Gesicht gezogenen Hüten vor Augen, die sich bei Nacht und Nebel auf der Brücke misstrauisch gegenüberstehen. Herrlich, dieses Kopfkino!

Glienicker Brücke, Agentenaustausch, Frühling

Nach 14 Kilometern machen sich langsam die Füße bemerkbar. Noch ein letzter schweifender Blick hinüber zu Potsdams Stadt-Silhouette und zum sanft-hügeligen Park Babelsberg mit seinem gelben, sandfarbenen Schloss Babelsberg. Wir sehen uns satt und nehmen relaxed den Bus zurück zum S-Bahnhof Wannsee.

Wasser, Waldspaziergang, Kunst, Historie und Italien – perfekter hätte der Urlaubstag nicht sein können. Warum in den Süden fliegen, der Süden Berlins tut es auch!

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