Dreifacher Beinbruch auf Big Island

Wie ich auszog, um die Welt zu entdecken und mit einem gebrochenen Bein in der Notaufnahme endete …

Der Tag endete in der Notaufnahme des Hilo Medical Centers auf Big Island – mit einem zweifach gebrochenen und ausgekugeltem Sprunggelenk und einem Wadenbeinbruch. Ob ich irgendetwas anders machen würde? Oder bereue, was passiert ist? Auf keinen Fall!
Samstag Morgen flog ich spontan von Honolulu nach Big Island – ein absolut magischer und spiritueller Ort, wenn ihr mich fragt. Man sagt den Inseln ja nach, dass übernatürliche Kräfte im Spiel sind, auf Big Island kann man diese wirklich spüren!

Die Insel an sich war mir nicht neu, ich war bereits einige Male dort gewesen, da ein Freund von mir viele Jahre dort gewohnt hat. Zwei meiner großen Träume waren aber immer noch auf meiner To Do Liste und sollten während der vier Tage hier erfüllt werden: mit Delfinen schwimmen und Lava ins Meer fließen sehen.

Keine halbe Stunde nach meiner Ankunft lernte ich Vanessa, eine Australierin, und Jason, einen Amerikaner vom Festland, kennen. Obwohl ich meinen eigenen Mietwagen hatte, beschlossen wir ziemlich schnell am nächsten Tag zu dritt loszuziehen und so viel wie möglich von der Insel zu erkunden. Im Nachhinein bin ich unfassbar froh, dass ich Jason das Fahren überlassen habe und als Mitfahrerin den Tag genießen konnte.

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Es ging schon vor 8 Uhr los (Nach einer Weile auf den Inseln gewöhnt man sich an das frühe Aufstehen. Man passt sich dem Insel Rhythmus an.). Wir hatten ein straffes Programm vor uns. Auf dem Plan stand:

  • Schnorcheln in der Kealakekua Bay, um Delfine zu sehen
  • South Point
  • Macadamia Nüsse naschen auf der MacNut Farm
  • ein Stopp an der südlichsten Bäckerei der USA, um himmlische Malasadas (portugiesische Doughnuts) zu essen Black Sands Beach
  • Vulkan National Park, um Lava ins Meer fließen zu sehen

Ich könnte über jeden dieser Punkte einen eigenen Artikel schreiben und vielleicht mache ich das auch noch, jetzt geht es aber erst einmal um meine Karriere als Bruchpilotin ;-).

Wir arbeiteten uns ziemlich erfolgreich durch unseren Tagesplan, bereits gegen 10 Uhr war ich der glücklichste Mensch auf der Insel, denn mein Traum – einmal mit Delfinen in ihrer natürlichen Umgebung zu schwimmen – wurde erfüllt!

Gegen späten Nachmittag erreichten wir dann den Vulkan Nationalpark auf der östlichen Seite der Insel. Es gibt zwei Wege, um derzeit die Lava zu bestaunen: Über eine Straße, an der man sich Fahrräder leihen und runter zu Küste fahren kann, oder zu Fuß vom Ende der Chain of Craters direkt im Nationalpark. Da die Straße außerhalb des Parks auf Grund der Wettergegebenheiten (Rauch des Vulkans, Luftbedingungen etc.) gesperrt war, fuhren wir also die Chain of Craters bis zum Ende und machten uns auf eine 8 Meilen Wanderung hin zur Lava. Die ersten 4 Meilen bestanden aus einer mehr oder weniger befestigten Schotterpiste. Den Sonnenuntergang im Rücken sahen wir Buckelwale direkt an der Küste ihr Runden ziehen und aus dem Meer springen – es hätte nicht schöner sein können!

Als wir zu dem schwierigen Teil des Wegs kamen, war die Sonne bereits untergegangen. Der Mond schien hell, so dass wir noch eine Weile ohne Taschenlampen auskamen. Die Leute, die uns entgegenkamen schienen nicht überaus enthusiastisch über das, was sie am Ende das Lavafelds empfangen hatte. Wir entschieden uns trotzdem weiter zu laufen – immerhin war es mittlerweile dunkel und wir hofften auf ein tolles Farbenspiel an der Küste.

Der Weg war holprig, wir liefen über alte ausgekühlte und versteinerte Lava. Für die, die noch nie in Berührung mit Lavagestein gekommen sind: Es kann ziemlich unberechenbar sein, es gibt Risse, super scharfe Kanten und glatte, recht rutschige Abschnitte. Es ist also nicht ganz ohne, aber absolut zu bewältigen wenn man SEHR vorsichtig ist.

Wir kamen der Rauchwolke immer näher und bereits von hier war das Naturschauspiel überwältigend! Als wir schließlich an der Küste ankamen, machten uns die Sulfat-Wolke und der Säure-Regen ganz schön zu schaffen. Wir waren so nah am Geschehen, dass wir ziemlich am Husten waren. Aber die Aussicht die uns empfang – UNBESCHREIBLICH! Ich kann es wirklich kaum in Worte fassen. Die Chance zu haben, so etwas am eigenen Leib erleben und sehen zu dürfen ist etwas ganz besonderes!

Es fiel uns schwer den Rückweg anzutreten und diese unbezahlbare Aussicht hinter uns zu lassen, aber wir wussten, dass wir locker 2,5 Stunden zurück zum Auto brauchen würden und weitere 2 Stunden zum Hostel und es war bereits nach sieben.

Wir machten uns also auf den Weg zurück, entlang der Absperrung (eine weiße Schnur). Vanessa hatte Probleme mit ihrer Taschenlampe, so dass ich versuchte, uns beiden den Weg zu leuchten. Wir liefen langsam und vorsichtig, denn bereits auf dem Weg zur Küste war ich ein paar Mal leicht weggerutscht.

Und dann passierte es. Ich machte einen Schritt auf einen schrägen Felsbrocken und rutschte ab. Es passierte alles ganz schnell. Mein Fuß sauste zwischen weitere Lavabrocken. Ich glaube, ich hörte es Knacken, aber mein Schrei übertönte alles. Ich schrie erneut, eine Mischung aus Schmerz und Ärger über die Realisation was gerade passiert war.

Mir war sofort bewusst, dass mein Bein gebrochen war, spätestens als ich an meinem Bein hinunter sah und mein Fuß in eine völlig falsche Richtung zeigte. Vanessa war direkt bei mir. Ich vernahm ein dumpfes Schreien: „Call 911! Call 911!“ (der amerikanische Notruf). In meinem Kopf waren so viele Gedanken gleichzeitig. Den ganzen Weg über hatte ich immer wieder darüber nachgedacht, wie unglücklich es sein müsste, sich hier zu verletzen. Die nächste befahrbare Straße war einige Meilen entfernt und der Handyempfang hier draußen war quasi non-existent.

Ich lehnt mich zurück, versuchte das Bein zu entlasten und die Wunde(n) nicht anzuschauen. Ich hatte panische Angst, dass irgendwo Knochen aus der Haut herausstechen könnten oder ich irgend etwas anderes Ekeliges entdecken würde, das mir den Rest geben würde. Vanessa und Jason blieben ruhig – zumindest nach außen – und versuchten, mich zu beruhigen. Jason kraxelte über das Lavagestein wie ein Wanderer in der Wüste auf der Suche nach Wasser – nur dass er Handyempfang suchte. Als ich ihn endlich sprechen hörte, wurde ich ruhiger. Ihn sprechen zu hören bedeutete, dass er den Notruf erreicht hatte und Hilfe kommen würde. Und sie kamen. Allerdings rund 1,5 Stunden später – ich hätte mir kaum einen abgeschiedeneren Ort aussuchen können, um mir sämtliche Gräten zu brechen!

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Etwa acht Stunden nachdem ich gestürzt war, kamen wir endlich wieder im Hostel an. Hinter uns lagen eine unheimlich spektakuläre Rettungsaktion, Schmerzmittel, eine 1-1,5 stündige Krankenwagenfahrt, diverse Röntgen- Sessions, noch mehr Schmerzmittel, das Einkugeln meines zweifach gebrochenes Sprunggelenks sowie das Stabilisieren des gebrochenen Wadenbeins. Ja ja, ich weiß, wenn ich was mache, dann mache ich es anständig ;-). Zu diesem Zeitpunkt waren die Ärzte recht optimistisch, dass ein Gips reichen würde. Na ja, die hatten gut Reden, in dem kleinen Gemeindekrankenhaus gab es nun mal keinen orthopädischen Chirurg, der sich dazu hätte äußern können …

So schlimm das jetzt auch alles klingt und so unerträglich die Schmerzen auch waren (und immer noch sind), ich bereue nichts! Denn dieser Tag und die Menschen mit denen ich unterwegs war, waren einfach unbeschreiblich!

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